Freitag, 21. Juli 2017

"Kunsttherapie" - was ist das eigentlich?

Es ist gar nicht so neu, Kunst zu therapeutischen Zwecken einzusetzen. Sowohl den Naturvölkern als auch im antiken Griechenland war die heilsame Wirkung künstlerischer Tätigkeiten bereits bekannt. Noch heute wissen wir, dass sich bereits der kreative Prozess heilsam auswirken kann, ganz ohne Begleitung oder abschließender Bildbesprechung. Kreative Beschäftigung kann aktiv zur Entspannung beitragen, Stress vermindern und den ansonsten gesunden Menschen vielleicht sogar vor gefürchteten Belastungsstörungen, wie zum Beispiel dem Burn-Out, bewahren.

"Wut im Bauch"
Beispiel für eine kunsttherapeutische Arbeit
Die Kunsttherapie unterstützt und ermöglicht vor allem den nonverbalen Ausdruck, das Bewusst machen innerer Prozesse und Fragestellungen, sowie auch das "Sichtbar werden" der Antworten und Lösungen. Sie kann die Fähigkeit des Menschen fördern, seine Umwelt unmittelbar über die Sinne wahrzunehmen und zu begreifen.

Viele Menschen stellt die Kunsttherapie heute vor einen Berg von Fragen. Oder lässt sie gleich mit den Worten "Ich brauche keine Therapie!" oder "Das ist nichts für mich, ich kann gar nicht malen." abwehren! Für die Inanspruchnahme einer Kunsttherapie muss man weder künstlerisch begabt sein noch während einer Sitzung museumsreife Kunst herstellen. Und man muss auch nicht an einer psychischen Störung oder Erkrankung leiden, um aus ihr Nutzen zu ziehen.

Zwei der häufigsten Fragen möchte ich heute gerne klären:

Muss man in der Kunsttherapie immer malen?
Nein, Malerei ist nur eine Möglichkeit, sich (künstlerisch) auszudrücken. Es kommt auf das Thema an, das man zu einem Kunsttherapeuten mitbringt. Vereinfacht dargestellt lässt es sich wie folgt zuordnen:
  • Plastisches Gestalten (Malerei, Bildhauern, Töpfern): 
    • Bringt innere Zweifel und Fragen ans Licht.
  • Marionettenbau & -spiel:
    • Bietet die Möglichkeit, sich ungehemmt auszudrücken und das Unterbewusstsein sprechen zu lassen.
  • Theater und Tanz: 
    •  Helfen gegen innere Konflikte, Angstzustände und Frustrationen.
  •  Musik:
    • Zur Wiedererlangung des Körperbewusstseins. Man spricht in diesem speziellen Fall auch von Musiktherapie.
  • Schreiben (Poesie, kreatives Schreiben): 
    • Wird ebenfalls sehr für die therapeutische Wirkung geschätzt. Hier gibt es zusätzlich den Begriff "Schreibtherapie".

Bleiben wir beim Beispiel "malen", eine weitere sehr beliebte Frage ist:

Ich male ein Bild und der Kunsttherapeut erkennt mein Problem anhand der benutzten Farben und Motive?

Viele Menschen stellen sich das so vor. Und es gibt leider Kunsttherapeuten, die so arbeiten: die das Bild des Klienten ansehen und drauf los interpretieren. Aber so funktioniert Kunsttherapie nicht! Mir hat eine Bekannte ein Bild gezeigt, das sie in ihrer Kunsttherapie während einer Kur gemalt hat, mit den Worten "Wenn Du das siehst erkennst Du ja gleich mein Problem!" Nein, tu ich nicht. Was im Bild steckt weiß nur der Klient, der es gemalt hat. Der Kunsttherapeut stellt lediglich Fragen zum Bild. Welches Problem da "eigentlich" gemalt ist und vor allem umsetzbare Lösungen dazu findet der Betroffene anhand seiner Antworten selbst heraus. Meine eigene Interpretation, mein Verhältnis zu Farben und Motiven ist bei Bildern von anderen völlig unerheblich und nicht angebracht.

Mein Lieblingsbeispiel ist die Farbe Schwarz. Die Angstfarbe vieler Mütter, die gerne verhindern möchten, dass ihr Kind schwarz in seinem Bild benutzt. Erwachsene assoziieren mit schwarz Trauer, Tod, Angst und Schrecken. "Wenn mein Kind dauernd düstere, schwarze Bilder malt ist es sehr traurig oder es muss ihm etwas schreckliches passiert sein!" Um Himmels willen - nein! Gerade kleine Kinder haben diese "Erwachsenenzuordnung" für Farben noch gar nicht. Schwarz ist - neutral betrachtet - einfach nur der größtmögliche Kontrast auf dem weißen Papier. Mit keiner anderen Farbe kann das Kind so deutlich sehen, was es gemalt hat. So deutlich zeigen, wo es und vor allem dass es "Spuren hinterlassen" kann!

So wie es in der Kunst viele unterschiedliche Kunstformen, Strömungen uns Stile gibt, hat auch die Kunsttherapie verschiedenen Richtungen und theoretische Ansätze entwickelt. Die Kunsttherapie ist weit mehr als eine entspannende Bastel-Therapie für erschöpfte Mütter in einer Kur.

"Die Kunsttherapie den Menschen zugänglicher machen, sie den Menschen nach Hause bringen", das ist meine Vision als Kreativitäts- und Kunsttherapeutin (IEK Berlin). Ich halte Euch auf dem Laufenden!

Fotos und Text: Birgit Bix Müffeler, www.obixjekte.de
Mitglied im Kultur-Kreis 


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